Krakau 2023

Studienreise des Politik-Oberstufenkurses nach Krakau im Herbst 2023

Sachbeschädigungen, Hassnachrichten im Internet oder auch physische Übergriffe, dies sind alles Formen, in denen sich Judenhass, also Antisemitismus äußert. Auch Leugnungen oder Verharmlosungen der Shoa und darauffolgende Straftaten sind noch heute in vielen Teilen der Gesellschaft und Politik verankert – man denke an die Aiwanger-Affäre. Gerade die terroristischen Angriffe auf Israel zeigen auf erschreckende Weise, wie sehr Judenhass verbreitet ist – gerade auch in der BRD, wo derzeit Menschen jüdischen Glaubens in Angst leben müssen und das Berliner Holocaust-Mahnmal polizeilich geschützt wird.

Wir, ein Politik-Oberstufenkurs des Margaretha-Rothe-Gymnasiums in Hamburg, haben uns im Rahmen unserer Studienreise nach Krakau intensiv mit den Themen NS-Regime und Shoa auseinandergesetzt. Dazu gehörten auch ein digitales Gespräch mit dem Referenten des Bundesbeauftragten gegen den Antisemitismus, Leonard Kaminski, sowie ein Workshop mit der Fachanwältin für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Isabelle Haßfurther.

Im Rahmen unserer Studienreise nach Krakau besuchten wir am 11.10. das jüdische Viertel Kazimierz, in dem trotz nationalsozialistischer Besatzerherrschaft noch viele Merkmale des Lebens vor dem Zweiten Weltkrieg sichtbar sind. Der Grund für den relativ guten Erhaltungszustand ist relativ banal: Die Nazis wollten Ruinen innerhalb der Stadt aus ästhetischen Gründen so gut wie möglich vermeiden, weshalb die Kennzeichen des jüdischen Lebens noch so gut zu erkennen sind. Sämtliche Krakauer Juden wurden an den Stadtrand in ein Ghetto vertrieben, bis sie in Auschwitz oder an anderen Orten ermordet wurden.  Heutzutage leben laut unserer Reiseführerin nur noch rund 130, teils nicht praktizierende Juden in Krakau und Umgebung. So gibt es allein im jüdischen Viertel sieben Synagogen, die jedoch nur teilweise aktiv genutzt werden. Diese Gotteshäuser dienen vor allem als Pilgerstätte für orthodoxe Juden von überall auf der Welt. Bei unserem Besuch waren in der Remuh-Synagoge beispielsweise US-amerikanische Juden zu Gast und beteten dort. Grundsätzlich gab es vor dem Krieg einige jüdische Händler in Krakau, was die Stiftung zahlreicher Synagogen zur Folge hatte. Die Remuh-Synagoge, welche wir besichtigen durften, wurde nach dem Krieg von einem durch Oskar Schindler geretteten jüdischen Mann wieder aufgebaut und ist bis heute in Betrieb. Im Anschluss an den Besuch in der Synagoge bekamen wir die Möglichkeit, den anliegenden jüdischen Friedhof zu besichtigen. Uns wurde der Brauch, Steine auf die Gräber zu legen, nähergebracht und wir erfuhren, dass ähnlich wie bei der Klagemauer in Jerusalem, Gräber genutzt werden, um Wünsche und Hoffnungen aufzuschreiben und dort zu hinterlassen.

Im Laufe unseres Spaziergangs durch Kazimierz fielen uns als Gruppe trotz der ziemlich lebhaften und positiven Atmosphäre immer wieder Merkmale auf, die stark an die Gräueltaten der Nationalsozialisten erinnern. Auf dem Fußweg zu einem ehemaligen Gebäude der Emaillewarenfabrik von Oskar Schindler, in welchem sich heute ein Museum befindet, welches die Geschichte des zweiten Weltkriegs mit Fokus auf der Besatzung Krakaus erzählt, bemerkte die Gruppe ein Wohnhaus mit zahlreichen Einschusslöchern. Unsere Reiseführerin berichtete daraufhin, dass die Einschusslöcher vom Tag der endgültigen Liquidation des Ghettos stammten und erhalten würden, um weiter an die Shoa zu erinnern. Ein paar Meter weiter befindet sich dann ein großer Platz, der mit siebzig Metallstühlen versehen ist, die an die Deportation der Ghettobewohnerinnen und -bewohner erinnern sollen. Die Stühle symbolisieren die Möbel, die als einzige hinterlassen wurden. Allgemein soll das Denkmal, welches 2005 errichtet wurde, sowohl Besuchende als auch Bewohner der Stadt zum Nachdenken anregen und ist somit ein wichtiger Bestandteil der Krakauer Erinnerungskultur.

Im Verlauf der Führung konnte man ebenfalls mehrfach Orte wiedererkennen, die als Filmkulissen des Hollywood-Films „Schindlers Liste” von Steven Spielberg fungierten, der die wahre Geschichte erzählt, wie Oskar Schindler etwa 1.200 Juden vor der Ermordung im Konzentrationslager rettete. Die anschließende Führung durch die quellenreiche Ausstellung des Museums, schaffte es, viele von uns zum Nachdenken zu bewegen und blieb auch noch im Laufe des Tages im Gedächtnis.

Insgesamt war der Besuch Kazimierz’ sehr eindrucksvoll. Dass ein Viertel, in dem so extrem schreckliche Dinge passiert sind, heutzutage gleichzeitig eine so positive Atmosphäre schaffen kann und trotzdem eine starke Erinnerungskultur pflegt, hat uns zutiefst beeindruckt.

Am darauffolgenden Tag, dem 12.10., besuchte unser Kurs das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Geplant war die Besichtigung des Stammlagers Auschwitz I und des Vernichtungslagers Auschwitz II-Birkenau mit einem darauffolgenden Workshop zur SS-Garnison in den Lagern. Trotz intensiver und detaillierter Vorbereitung war der Besuch mehr als schockierend. Beginnend am Eingangstor mit der menschenfeindlichen Aufschrift „Arbeit macht frei” wurden wir durch das ehemalige Konzentrationslager geführt. Uns wurden die verschiedenen Baracken und Blöcke von innen und außen gezeigt und man wurde von den schrecklichen Eindrücken regelrecht überflutet. Wir wurden mit hunderten von Koffern, Brillen, Töpfen und Schuhen konfrontiert, während die Reiseführerin uns die Pläne und Taten der Nazis genau erklärte. Sprachlos machten die Berge menschlicher Haare, die von den weiblichen Häftlingen stammten. Nachdem wir die Gefängniszellen und die sogenannte Todeswand gezeigt bekommen haben, ging es durch die mit Stacheldraht geschützte Absperrung und wir hatten die Möglichkeit, durch eine ehemalige Gaskammer mit einem anhängenden Krematorium zu laufen. Besuch und Rundgang waren emotional extrem belastend und es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, was für Gefühle in einem aufkommen, während man den Ort besucht, wo Millionen von Menschen grausam ermordet wurden.

Anschließend an unseren Rundgang im Stammlager, fuhren wir Richtung Birkenau, wo vor allem das riesige Gelände von 1,7 Quadratkilometern zutiefst schockierte. Wir sahen einen Waggon von einem der Züge, die die Häftlinge in das Vernichtungslager brachten und konnten sowohl eines der gesprengten Krematorien, als auch eine Baracke aus der Nähe betrachten. Die extreme Grausamkeit der Nationalsozialisten war zwar jedem bewusst, der Besuch in Auschwitz hat jedoch in jedem und jeder Einzelnen etwas bewegt.

Eine Sache, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist, wie drei Rehe über das Gelände der heutigen Gedenkstätte liefen, während wir uns den Zugwaggon angeguckt haben. Sie stellten eine Art Zeichen für das Leben an einem Ort des Todes dar, was mich persönlich und einige Mitschüler zutiefst berührte. Am Ende unseres Besuches in Auschwitz schockierten wiederum die Verhaltensweisen anderer Besucher. Unsere Gruppe wurde gefragt, ob sie ein Erinnerungsfoto von posierenden, grinsenden Touristen machen könne. Nach einem solchen Moment stellt man sich die Frage, ob der Besuch der Gedenkstätte bei manchen Menschen überhaupt etwas bewirken konnte.

Nach unserem Besuch in Auschwitz I und Auschwitz II bekamen wir die Möglichkeit, an einem Workshop teilzunehmen, der sich mit der SS-Garnison in den Lagern beschäftigte. Dort befassten wir uns in Kleingruppen mit den verschiedenen Abteilungen der SS in Auschwitz und anderen Lagern und betrachteten bekannte Vertreter wie Rudolf Höss, Carl Clauberg oder Elisabeth Volkenrath und ihre Taten in Auschwitz. Die Hauptaussage, die wir aus dem Workshop mitnehmen konnten, war, dass jeder Einzelne Täter werden kann. Denn alle Persönlichkeiten, mit denen wir uns an diesem Tag beschäftigten, kamen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, hatten verschiedenste Bildungsgrade und von jedem Alter und Geschlecht war jemand vertreten.

Insgesamt lässt sich nur schwer beschreiben, was man während des gesamten Tages fühlte, im Gespräch mit Mitschülerinnen und Mitschülern trat jedoch ein Eindruck besonders hervor: Es fühlte sich fast falsch an, dort zu sein. Das mühelose Kommen und Weggehen lösten eine starke Betroffenheit aus, da uns klar wurde, dass wir beispielsweise in zwei Minuten in eine Gaskammer laufen konnten und direkt wieder draußen waren, obwohl hunderttausende Menschen nie wieder aus diesen Gaskammern herauskamen: Man geht heute davon aus, dass ca. 1,1 Millionen Menschen in Auschwitz ermordetet wurden, ca. eine Million davon waren Menschen jüdischen Glaubens.

Abschließend lässt sich zu unserem Besuch des jüdischen Viertels und des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers sagen, dass es emotional zutiefst belastend war und jede und jeden Einzelnen getroffen hat. Auch am Abend und in den nächsten Tagen haben wir untereinander noch über das Erlebnis gesprochen und versucht, in Worte zu fassen, wie es uns damit ging.

Insgesamt war der Besuch in Auschwitz ein sehr eindrucksvolles Erlebnis, das jede und jeder mindestens einmal im Leben erlebt haben sollte, um daran zu erinnern, was in den 1940er Jahren geschehen ist, und dass wir Verantwortung tragen, dass solche Gräueltaten niemals wieder passieren. Trotzdem ist für den Besuch in Auschwitz eine intensive Vorbereitung nötig. Man muss sich dessen bewusstwerden, wie es Hitler und seiner Regierung möglich war, seine rassistische und antisemitische Ideologie zu verbreiten. Und man muss sich klar machen, dass die Taten von damals heute immer noch mehr als relevant sind. Die Aufarbeitung und Verurteilung der nationalsozialistischen Gräueltaten sind von besonderer Bedeutung für das gesellschaftliche Miteinander und die internationale Zusammenarbeit – bis heute. Vor allem aber: Wir dürfen nicht vergessen.

Wir danken der Axel Springer Stiftung, Berlin, sowie der Sanddorf-Stiftung, Regensburg, welche beide unsere Fahrt großzügig unterstützt und möglich gemacht haben.

Ada (S3), 10/23


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